{"id":2048,"date":"2020-03-05T11:02:59","date_gmt":"2020-03-05T09:02:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/?page_id=2048"},"modified":"2022-11-09T10:25:08","modified_gmt":"2022-11-09T08:25:08","slug":"text-6-hella-berent-oberflaechen-des-raumes-by-ulli-seegers-2005","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/texts\/text-6-hella-berent-oberflaechen-des-raumes-by-ulli-seegers-2005\/","title":{"rendered":"Text 6: HELLA BERENT \u2013 Oberfl\u00e4chen des Raumes by Ulli Seegers (2005)"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2198 size-large lazyload\" data-src=\"https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-1024x490.jpg\" alt=\"\" width=\"904\" height=\"433\" data-srcset=\"https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-1024x490.jpg 1024w, https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-300x144.jpg 300w, https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-768x368.jpg 768w, https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-1536x735.jpg 1536w, https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-2048x980.jpg 2048w, https:\/\/www.hellaberent.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/2005_Mauer_schlafend_Z.FotoG_.S-904x433.jpg 904w\" data-sizes=\"(max-width: 904px) 100vw, 904px\" src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" style=\"--smush-placeholder-width: 904px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 904\/433;\" \/><\/p>\n<p style=\"font-size: 9px; margin-top: 0px; text-align: right; padding-right: 10px;\">Sleeping Wall 2005 Stadtmuseum Oldenburg<br \/>\n160 x 168,5 x 14,5 cm &#8211; 432 bricks, each 9,9 x 20 x 4,8 cm, clay, glaze, the bricks are made in press-mould using fine grained white sculpture clay .ekwc NL<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Oberfl\u00e4chen des Raumes. Ein Exkurs \u00fcber die Tiefe.<br \/>Prof. Dr. Ulli Seegers<\/strong><\/p>\n<p>H\u00f6he x Breite x Tiefe = Raumvolumen. Mit den drei multiplizierten Ausdehungsma\u00dfen eines Gegenstandes wird in der Elementargeometrie die Dreidimensionalit\u00e4t des Raumes abgesteckt, wobei der Raum selbst als ein ohne feste Grenzen ausgedehntes Gebiet gedacht wird. Fehlte die Tiefe, w\u00e4re reine Fl\u00e4che. Eine zweidimensionale Fl\u00e4che beschreibt das Gegenteil von Raum. Der Inhalt einer Fl\u00e4che hei\u00dft Oberfl\u00e4che. Fl\u00e4che und Tiefe schlie\u00dfen sich im logischen Entweder \u2013 Oder mathematisch aus. Wie aber hei\u00dft der Inhalt von Tiefe? Hat der Raum eine Oberfl\u00e4che?<\/p>\n<p><strong>Schwarz <\/strong><br \/>\nSeit den 1990er Jahren ist Hella Berent verborgenen Tiefenschichten der Oberfl\u00e4che auf der Spur. Dabei gilt ihr Interesse zun\u00e4chst der (Un-)Farbe Schwarz. Schwarz als Inbegriff von Totalit\u00e4t und Nichts zugleich, als Urgrund aller Farben und Mutter alles Seienden. Aus losem schwarzen Pigment entstehen Leinw\u00e4nde, die in ihrem samtenen, tief durchtr\u00e4nkten Schwarz die unerforschliche Unendlichkeit des Alls erahnen lassen (vgl. <em>XXXXIV NERO<\/em>, Rom 1992). Ein Universum, in das es sich durch die tiefschwarze Pigmentoberfl\u00e4che eintauchen l\u00e4\u00dft. Die Wirkung von Schwarz, das den Betrachter existentiell umf\u00e4ngt, ist dabei nicht an das Bild der Leinwand gebunden. Hella Berent erforscht andere Materialien, so auch die sinnliche Erscheinungsweise schwarzen Gummis, das sie f\u00fcr verschiedene Buchobjekte, als Bildtr\u00e4ger und in Installationen einsetzt (vgl. <em>Glut der Unterscheidung, <\/em>N\u00fcrnberg 1992). Die Oberfl\u00e4chentextur der unbearbeiteten d\u00fcnnen Gummibahnen ruft eine eigent\u00fcmlich r\u00e4umliche Wirkung hervor, die die K\u00fcnstlerin in einigen Arbeiten durch filigrane, wei\u00dfe Pastell-Zeichnungen noch verst\u00e4rkt. Neben dem Gummi ist es auch der schwarze Granit, der durch seine nat\u00fcrliche Materialit\u00e4t das Interesse Hella Berents weckt. Geschliffen und poliert entbirgt der Stein gerade in seiner Schwere und Massivit\u00e4t eine fast luzide Transparenz, die das Schwarz zur Passage in andere Welten werden l\u00e4\u00dft (vgl. <em>ATHANASY \u2013 The Fire consuming Otherness<\/em>, Neu Delhi 1993).<\/p>\n<p>Das undurchdringliche Schwarz zieht die Blicke an, scheint diese in seinem Inneren zu absorbieren und in einem unerfindlichen Gemisch von F\u00fclle und Leere zu binden. Ob als loses Pigment, weich flie\u00dfende Gummibahn oder als massiver Stein \u2013 dem Schwarz haftet eine Kompaktheit hat, die an primordial-ungestalte Materie erinnert. Die Nichtfarbe erscheint als reine Potenz, die nichts zeigt, aber schon alles in sich birgt. Ihre Tiefenwirkung geht nach innen, durch alle Schichten, dorthin, wo sich im verborgensten Winkel das von dichtem Stoff verh\u00fcllte Zentrum erahnen l\u00e4\u00dft. Schwarz als unendliche Materie und reines Sein.<\/p>\n<p><strong>Spiegelung <\/strong><br \/>\nIn der Installation <em>Tree of Life<\/em> (Neu Delhi 1995) ger\u00e4t der Blick in die Tiefe unversehens zum Blick in die H\u00f6he. \u00dcber zw\u00f6lf rechteckig ausgehobene Erdl\u00f6cher hat Hella Berent Panzerglasscheiben platziert, die mit dem Erdreich b\u00fcndig abschlie\u00dfen. Die Zweige angrenzender B\u00e4ume und der Himmel spiegeln sich in den Glasfl\u00e4chen im Boden. En detail erscheint damit nicht nur die Erde wie ein St\u00fcck Himmel, sondern in der Fl\u00e4che blitzt auch ein St\u00fcck unendlicher Tiefe auf: Durchdringung des Gegens\u00e4tzlichen bis zum Zusammenfall in seiner sinnlichen Erscheinungsweise. Die Spiegelung von Oben und Unten ist ebenfalls Gegenstand der Installation <em>Have Sunk<\/em>, die 2000 im neapolitanischen Castel S\u2019Elmo entsteht. Die 160 auf dem Boden des Tuffsteinraums ausgelegten Spiegel l\u00f6sen den gedrungenen Raum des mittelalterlichen Tonnengew\u00f6lbes auf in einen Tanz der Lichtreflexe, der Decke und Boden ineinander spiegelt und die gemauerte Architektur perforiert bzw. ins Bodenlose verfl\u00fcchtigt.<\/p>\n<p>Reflexion und Widerspiegelung des einen im je anderen: in ihren photographischen Doppelbelichtungen \u00fcberlagern sich zwei verschiedene Orte und Zeiten bis zur vollst\u00e4ndigen \u00dcberblendung. Die Motive flie\u00dfen ineinander und bilden etwas Neues, ein Drittes. Am Entstehen dieser Bildamalgame ist immer auch der Zufall beteiligt, wenn sich erst in der Dunkelkammer das Ergebnis der beiden \u00fcberlagerten Motive zeigt. Hella Berent w\u00e4hlt f\u00fcr ihre Doppelbelichtungen, die bereits seit den 1980er Jahren entstehen, v\u00f6llig unterschiedliche Gegenst\u00e4nde, Situationen und Kulturen. Architekturen, Landschaften und Interieurs wechseln wie die geographischen Schaupl\u00e4tze der Aufnahmen.<\/p>\n<p>In den Doppelbelichtungen wird das Ephemere der Glas- und Spiegelinstallationen im Bild konserviert und manifest. Die Verkehrung der Perspektive als Gegenstand der tempor\u00e4ren Lichtreflexionen findet in der zweifach belichteten Photographie eine dauerhafte Synchronisierung der Wahrnehmung. In der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gerinnen R\u00e4ume, Zeiten und Kulturen zu einem neuen Sehen, das Entfernte zusammensieht. Die photographischen \u00dcberblendungen werden im Wechsel der aufgesuchten Orte und erlebten Zeiten zu Topographien des Imagin\u00e4ren, die undefinierte Erfahrungsr\u00e4ume \u00f6ffnen. Spiegelung als Dynamisierung der Perspektiven und Reflexion des Seienden.<\/p>\n<p><strong>Blau\u00a0\u00a0 <\/strong><br \/>\nDie Abl\u00f6sung vom Gegenst\u00e4ndlichen und Aufl\u00f6sung des Materiellen finden in der Manifestation des Fl\u00fcchtigen ihre gegenl\u00e4ufige Entsprechung. Durch die Reflexwirkungen und\u00a0 \u00dcberlagerungen ist das Bestehende in Bewegung geraten, so da\u00df der Transformationsproze\u00df seine Vollendung in der gegenseitigen Durchdringung sucht. Das Blau des Himmels auf die Erde zu holen, ist dabei so k\u00fchn und gleichzeitig so plausibel wie das Streben, Denken und F\u00fchlen in Einklang zu bringen. In der Zusammenf\u00fchrung des Auseinanderliegenden b\u00fcndeln sich die einzelnen Energien zu einer einzigen Kraft, der das Unm\u00f6gliche zuzutrauen ist.<\/p>\n<p>Die Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Ton \u00f6ffnet Hella Berent seit 1998 neue M\u00f6glichkeiten, das Fl\u00fcchtige zu bannen. Die blaue Glasur auf gebranntem Ton bildet dabei in doppelter Hinsicht einen Materialisierungsproze\u00df, der das Verschiedene unverbr\u00fcchlich zusammenbringt. Materialikonographisch wird das Blau als Farbe der Ferne ganz buchst\u00e4blich durch gro\u00dfe Hitze in den feuchten, biegsamen Ton eingebrannt. Sichtbares Ergebnis dieses \u00fcberaus haptischen Fertigungsprozesses ist ein Changement verschiedenster Blaut\u00f6ne, das auf der ansonsten stumpfen Tonoberfl\u00e4che eine aquarellartige Tiefenwirkung hervorruft. \u00c4hnlich der Oberfl\u00e4che eines azurblauen Meerufers scheint die Keramik unter den Blaunuancen \u00e4u\u00dferlich unbewegt zu wogen. Hella Berents blau glasierte Ton-Ziegelsteine entfalten am Boden liegend oder an der Wand h\u00e4ngend gerade nicht den Eindruck von massiver Bausubstanz, sondern muten an wie geschmeidige, durchl\u00e4ssige Wasseroberfl\u00e4chen oder erscheinen als Ausblick in das nichtgreifbare Blau des Himmels. Die K\u00fcnstlerin, die am ekwc. im niederl\u00e4ndischen \u2019s-Hertogenbosch die Techniken der Blauglasur im Rahmen eines Studienaufenthaltes eingehend erproben konnte, hat in den letzten Jahren einen ganzen Kanon an Blaut\u00f6nen und Oberfl\u00e4chentexturen ausgebildet, so da\u00df sie die verschiedenen Nuancen prononciert zum Einsatz bringt. Der glasierte Ton erscheint hier weniger als materielles, raumgreifendes Ding denn als farbiges Raumvolumen, das selbst R\u00e4ume zu \u00f6ffnen scheint. Sogar eine ganze Wand aus blau glasierten Steinen vermag Assoziationen von Begrenzung oder Versperrung ins Gegenteil zu verkehren, wenn die Installation (vgl. <em>Blaue Mauer I<\/em>, Kairo 2001) eher wie ein Durchgang in unendliche Welten anmutet. In dieser Wirkung ist der blau glasierte Tonziegel dem polierten Granitstein aus fr\u00fcheren Installationen nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Neben den Ziegelsteinformen hat Hella Berent auch runde <em>Mauerscheiben<\/em> und Hohlformen mit blauen Glasuren versehen. Die gef\u00e4\u00dfartigen Keramikskulpturen thematisieren den Raumbegriff sowohl an der blau glasierten Oberfl\u00e4che wie durch ihr eigenes Volumen. Die Objekte formen Raum: sie geben Raum einen Ort. Die stehenden oder liegenden Skulpturen bilden dabei mehr oder wenig stark in den Raum ge\u00f6ffnete Hohlr\u00e4ume, die ein Innen und ein Au\u00dfen bezeichnen, ohne jedoch etwas Bestimmtes zu definieren. Die plastischen Gebilde sind leer und doch scheinen sie etwas Kostbares zu versammeln und zu verwahren. Die skulpturalen K\u00f6rper bringen einen Ort hervor, der Verweilen gew\u00e4hrt. Einfaltungen, Windungen und Zwischenr\u00e4ume, die sich ein- und umst\u00fclpen und die aufgrund ihrer Glasuroberfl\u00e4che \u00fcber ihr k\u00f6rperliches Raumvolumen hinaus eine weitere Tiefenwirkung entfalten. Sofern der Gedanke eines kosmischen gekr\u00fcmmten Raum-Zeit-Kontinuums vorstellbar ist, w\u00e4re er dergestalt imaginierbar: als ein dynamisches Raumgef\u00fcge, das sich an der einen Stelle ausdehnt, sich an anderer zusammenzieht und \u00fcber diese Pulsationen Ausbuchtungen bildet. Ein t\u00f6nerner Hohlk\u00f6rper erscheint auf diese Weise als unendlich expandierendes Weltall, das an jeder Stelle des Endlichen sein Zentrum findet.<\/p>\n<p>Blau als Blick in die Weite, als Farbe des Ewigen, des Lebens und des G\u00f6ttlichen, die in vielen Religionen und Kulturen auch als Symbol f\u00fcr Himmel und Wasser Verehrung erf\u00e4hrt. Immer bildet es eine Verbindung zwischen dem Fl\u00fcchtigen und dem Festen. Als \u201agebranntes Blau\u2019 wird es in den Keramikobjekten von Hella Berent zu einer \u201az\u00e4rtlichen Materie\u2019 und in seinen Tiefendimensionen sinnlich erfahrbar. Blau nicht als farbliche Eigenschaft, sondern als Haltung des Wissenden und Zustand des Unendlichen.<\/p>\n<p><strong>Kopf\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><br \/>\nDie W\u00f6lbung des Sch\u00e4dels sch\u00fctzt das empfindliche Innere und grenzt es gegen das Au\u00dfen ab. Und doch ist gerade der Kopf dasjenige K\u00f6rperteil, das mit seinen sieben \u00d6ffnungen am meisten dem \u00c4u\u00dferen verbunden ist. Die Sinnesorgane erm\u00f6glichen einen steten Austauschproze\u00df zwischen Innen und Au\u00dfen, der sich im Denken, F\u00fchlen und Wollen niederschl\u00e4gt. Die sinnliche Wahrnehmung bildet die Br\u00fccke zwischen den Sph\u00e4ren und macht den Kopf zur Schnittstelle zwischen Innen und Au\u00dfen, Oben und Unten, Intellekt und Gef\u00fchl. Diffusionsprozesse, die den Flug der Gedanken ins Unendliche erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Das Motiv des Kopfes ist in der Arbeit von Hella Berent seit den 1970er Jahren anzutreffen. Ganze <em>Kopfb\u00fccher<\/em> entstehen, die seitenweise und immer neu um Form und Gestalt des Kopfes kreisen. Von der fig\u00fcrlichen Zeichnung, in der der Kopf als Leitmotiv erkennbar wird, gelangt sie zur Abstraktion im Schwarz und zur Ungegenst\u00e4ndlichkeit des Blaus. Das Faszinosum \u201aKopf\u2019 hat dabei nichts an Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft: die K\u00fcnstlerin nimmt ihn vielmehr buchst\u00e4blich in die Hand, wenn sie plastische K\u00f6pfe aus Ton formt und knetet. Mit blauer Glasur \u00fcberzogen haftet diesen ein vergeistigt-\u00e4therischer Ausdruck an, der sie auch in ihrer sinnlichen Erscheinungsweise in die N\u00e4he des Himmels r\u00fcckt. F\u00fcr die Ausstellung in Oldenburg hat Hella Berent erstmals gro\u00dfformatige K\u00f6pfe aus Keramik geschaffen, die in einer stummen Zwiesprache untereinander stehen. Einen Vorl\u00e4ufer finden die blauen K\u00f6pfe in der Installation <em>Greek Field<\/em>, die die K\u00fcnstlerin 1999 im italienischen Cuma zeigt. Die schneewei\u00dfen K\u00f6pfe, die alle den identischen Marmorkopf eines griechischen J\u00fcnglings nachbilden, scheinen hier aus dem Boden zu wachsen und verbinden die Erde mit dem Himmel. Die klassischen, fein modellierten Gesichtsz\u00fcge des jungen Mannes stehen dabei in starkem Kontrast zum dunklen, groben Erdreich, auf dem sie stehen. Denken und Wahrnehmen scheinen mit dem Boden der Wirklichkeit zu opponieren und sind doch fest mit diesem verwurzelt.<\/p>\n<p>Der Flu\u00df der Gedanken als Bewegung im Raum \u2013 die <em>Haar<\/em>-Photographien nehmen das Motiv des Kopfes durch die langen schwarzen Haare einer Frauenfigur in R\u00fcckenansicht auf. Es ist die K\u00fcnstlerin selber, die sich quasi vom Betrachter weg- und in die Bildtiefe hineinbewegt. Die aufrechte Gestalt und ihre langen Haare bilden dabei eine Vertikale, die in der Symmetrie des Bildes von der horizontalen Vorw\u00e4rtsbewegung der Dargestellten gekreuzt wird. Mit der k\u00f6rperlichen Bewegung im Raum entsteht ein Spannungsverh\u00e4ltnis zur Bewegung des Denkens, das durch die langen Haare als Verl\u00e4ngerung des Kopfes visualisiert wird. Das Flie\u00dfen der Gedanken und Lauf der Dinge m\u00fcnden in ein imagin\u00e4res Koordinatensystem, das aus einem Geflecht von Beziehungen und Relationen besteht.<\/p>\n<p>In vielen Zeichnungen hat Hella Berent den Strom der Bewegungen zu Papier gebracht: Verdickungen und Verkn\u00fcpfungen, unterbrochene Strichlinien und Schnittstellen erscheinen wie Flu\u00dfl\u00e4ufe, Gedankenstr\u00f6me, Haarstr\u00e4hnen oder Blutbahnen. Die Zeichnungen, die vom Unterbewu\u00dftsein unmittelbar und ungefiltert auf das Blatt gebracht zu sein scheinen, muten an wie Landkarten geologischer Gegebenheiten, wie Seismogramme des Intellekts oder der Emotion \u2013 Energiefelder von Bewegung, die mit einer einzigen Linie R\u00e4ume generieren.<\/p>\n<p>Einen objektiven Raum gibt es nicht. Raum ist eine subjektive Anschauungsform, die au\u00dferhalb der Wahrnehmung keine \u00e4u\u00dfere Wirklichkeit hat. Der Ort des Raumes ist damit der Kopf, seine Oberfl\u00e4che ist Spiegelung und Reflexion. Diese Oberfl\u00e4chen sind Zauberformeln, die nichts sagen und doch alles im Blick haben: Oberfl\u00e4chen, die nicht an der Oberfl\u00e4che bleiben, sondern die tiefer in die Sache hineinf\u00fchren. Der Inhalt von Tiefe ist so verstanden nichts anderes als das Bewu\u00dftsein. Somit bleiben das Denken und die Wahrnehmung nie folgenlos: sie sind die Vitalkr\u00e4fte des Bewu\u00dftseins. Es vermag einen unendlichen Raum zu produzieren, ein Universum, in dem sich Schwarz und Blau gegenseitig durchdringen. Hella Berent hat die sinnlich wahrnehmbaren Oberfl\u00e4chen dieser Raumerfahrung bereitgestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.hellaberent.de\/2005_Surfaces-Space-Reflections-Depth.pdf\">PDF English<\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;\">2005 HELLA BERENT BLAU DIE Z\u00c4RTLICHKEIT EINER MATERIE OLDENBURG<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 8pt;\">s.11-14<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 8pt;\">Isensee Verlag<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 8pt;\">Neue Reihe zur aktuellen Kunst Band 35<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sleeping Wall 2005 Stadtmuseum Oldenburg 160 x 168,5 x 14,5 cm &#8211; 432 bricks, each 9,9 x 20 x 4,8 cm, clay, glaze, the bricks are made in press-mould using fine grained white sculpture clay .ekwc NL Oberfl\u00e4chen des Raumes. 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