Text 10: Angst im Gespräch 2005

Angst im Gespräch 2005 Keramik Skulpturen, Pulverturm Oldenburg, Photo Guido Schiefer je Kopf 50-60cm hoch

Installation – Angst im Gespräch – Fear in Conversation – 2005 Ceramic Sculptures h ~ 50 cm Pulverturm ø 8m Oldenburg
Curated by Dr. Sabine Isensee, Photograph Guido Schiefer

ZU DEN FOTOGRAFIEN, ZEICHNUNGEN UND SKULPTUREN VON HELLA BERENT
ÄGYPTISCH BLAU – KOSMISCHE FARBE DES ORIENTS
Dr. Sabine Isensee

Bereits im dritten Jahrtausend vor Christus wurde im Alten Orient das Pigment Ägyptisch Blau aus Calcium-Kupfer-Silikaten künstlich hergestellt und als Farbstoff in der Malerei verwendet. Nur über ein aufwendiges Syntheseverfahren konnte das wertvolle Pigment gewonnen werden, das einst die prächtigen Kronen und Sarkophage der Pharaonen zierte. Ägyptisch Blau galt als Symbol der Unsterblichkeit und Quell des Lebens, weshalb die Farbe dem Götter- und Totenkult vorbehalten war. Mit dem Untergang der Antike ging auch das Wissen um die geheimen Rezepturen verloren. Anhand von historischen Originalproben wird erst in heutiger Zeit die Herstellung von Ägyptisch Blau wissenschaftlich erforscht1 und auch künstlerisch erschlossen.

Die in Thedinghausen geborene und in Köln lebende Künstlerin Hella Berent begibt sich in ihren Werken auf die Suche nach dem legendären Blau. Dafür reiste sie in den Jahren 1999 bis 2001 an die Orte des Ursprungs, um in Ägypten Antworten und Zeugnisse früherer Kulturen zu finden. Erstaunlicherweise fand die Künstlerin nur spärliche Hinweise. In Kairo entdeckte sie schließlich in Moscheen und Museen alte osmanische blaue Fliesen und pharaonische Fayencen, die sie inspirierten, mit den alten Herstellungsrezepten des Pigments zu experimentieren.

Weitaus mehr Erkenntnisse über das Ägyptisch Blau gewann Hella Berent jedoch in der geistigen Anschauung der sie umgebenden Natur. In Marsa Matruh und Assuan, im iranischen Isfahan und Persepolis, im türkischen Lykien und Antalya wird sie von der intensiven, magischen Farbe des Himmels und der Meere beeindruckt. Erst in dieser Naturerfahrung gelingt es Hella Berent, Ägyptisch Blau nach zu empfinden, öffnet sich ihr Blick für die „Zärtlichkeit dieser Materie“. In einem ihrer Gedichte heißt es:

Das blaue Feuer des Lichts
breitet sich über die Himmel der Meere
spielt mit dem Mund der Smaragde
ich muss dich fragen
das Orchester ist fort?
hell strahlt die ferne Weite des Horizonts

beugt sich nach dem Spiel
vornüber aus der Neigung des Zenits
– stetig steigt das Blau leicht in die dichte Farbe

In den Fotografien, Zeichnungen und keramischen Skulpturen von Hella Berent spiegelt sich nuancenreich das Farbspektrum von Ägyptisch Blau wider. So entsteht in der künstlerischen Auseinandersetzung ein Zyklus von Kobalt bis Kupferblau, der die besondere Faszination des Menschen zu Luft und Wasser, den Urelementen des Lebens, ergründet.

Während ihrer Reisen in Ägypten, Iran und der Türkei entstand eine Serie von landschaftlich geprägten Fotografien, die durch Kunstgriffe wie konkrete Ausschnitte und Doppelbelichtung abstrakten Charakter gewinnen. Durch diese kompositorischen Mittel der Verfremdung treten die realen Orte in den Hintergrund, vielmehr lenkt Hella Berent den Blick des Betrachters gezielt auf die subjektiv erlebten Farbräume und erhebt sie zur Metapher von Ägyptisch Blau. Wir sehen leuchtend türkise Meere, die mit der Unendlichkeit des Himmels sanft verschmelzen und sich in allen Schattierungen im Wasser widerspiegeln oder sich in vielfältigen Wechselspielen von wogenden Wellen und Lichtbrechungen steigern.

In den Doppelbelichtungen überlagern sich architektonische Räume mit blauen Sphären, die den Bildraum um eine außergewöhnliche Tiefendimension erweitern, so dass überraschende Blickwinkel und neue inhaltliche Aussagen entstehen. So verwandelt sich beispielsweise die syrische Ruinenstadt Palmyra (Abb. S. 70) durch die malerische Synthese mit dem Genfer See in einen mystisch wirkenden Ort. Die Künstlerin gewinnt der Landschaft auf diese Weise nicht nur eine eigentümliche Poetik ab, sondern setzt die ursprüngliche Bedeutung von Photographie (griech.) phos = Licht und graphie = schreiben, also die „Lichtzeichnung“, sinnbildlich um.

Kunst bedeutet für Hella Berent die Ausdehnung auf die Ganzheit des Menschen, sie „fließt in ihrem Körper“, was insbesondere die Reihe der Selbstporträts verdeutlicht. In einigen dieser fotografischen Porträts greift die Künstlerin die verfremdende Wirkung der doppelten Belichtung und der Blauflutung auf. Diese Fotografien korrespondieren mit einer Reihe von großformatigen Porträts, die an ihrem Wohnort Köln entstanden sind. Sie zeigen Hella Berent in anonymer Rückenansicht, umrankt von maigrüner Natur. Der Blick des Betrachters wird auf die langen blauschwarzen Haare der Künstlerin gelenkt, die weich fließend, die Rhythmik von Wasser und Himmel assoziieren. Seit Jahrtausenden gelten Haare als Symbol für Vitalität und Lebenskraft, insofern bekunden die Fotografien die Weisheit fernöstlicher Philosophie: das Einssein des Menschen mit der Natur. Bereits seit ihrem Studium setzt sich Hella Berent zeichnerisch mit dem Thema Raum auseinander. Auch die aktuellen Buntstiftzeichnungen sind als subjektiver Dialog und intuitive Reaktion auf die Wirklichkeit zu verstehen oder wie die Künstlerin selbst bemerkt: „Das Ziel ist, Eingebung zu erkennen und darzustellen, das Bewusstsein in die Wahrnehmung der Gestalt von Gefühl und Denken im Raum zu öffnen.“
Titel wie „Antalya“ (Abb. S. 69), „Mittelmeer“ (Abb. S. 65) oder „Nil“ (Abb. S. 89) verdeutlichen, dass die Zeichnungen parallel zu den Fotografien während ihrer Reisen entstanden sind. Die Motive sind jedoch abstrakt. Auf Pergamin und Büttenpapier verdichten sich feine, schwungvolle Linien rhythmisch zu einem Spannungsfeld von Stille und Dynamik, das farbige Energiespuren erahnen lässt. In diesem Fluss der Zeichnung klingen nicht nur Fluten von Himmel, Meer und Haar an, sondern beginnen Räume zu fließen: Zeichnung wagt hier dietranszendente Grenzüberschreitung.

Der Wechsel von Dimensionen, das sinnliche Erleben von konkreten und immateriellen Räumen zeigt sich komprimiert in der Präsentation ihrer keramischen Skulpturen. Im Jahr 1998 begann Hella Berent sich künstlerisch dem Medium der Keramik zu widmen. Am Europäischen Keramik Werkzentrum (EKWC) im niederländischen ́s-Hertogenbosch fand sie ideale Voraussetzungen vor, das Material Ton auf vielfältige Weise auszuloten. In dieser Zeit reifte auch der Gedanke, mit dem Spektrum von türkisblauen Glasuren zu experimentieren: „Und dann war plötzlich die Idee entstanden, Himmel und Erde durch das Brennen im Feuer zu binden. Glas, Glasur – Glasur auf Ton aufzutragen und durch die Dauer der Hitze das Blau mit der Erde zu verschmelzen.“

Für ihre keramischen Skulpturen nutzt Hella Berent das ungewöhnliche Material von Ziegelsteinen. Der Backstein gilt als der älteste künstliche Baustoff, so lässt sich seine Verwendung anhand von Funden in Mesopotamien auf über fünftausend Jahre zurückverfolgen. Die Künstlerin gewinnt dem archaischen Werkstoff eine außergewöhnliche Ästhetik ab, indem sie auf die ansonsten stumpfe Oberfläche von Ton Glasuren aufbringt. Durch die blaue Glasur verwandelt sich die Materie zu irisierender Malerei, die von tiefem Kobalt zu lichtem Türkis changiert. Die Skulptur „Das Verschwinden der Arbeit“ (Abb. S. 64) ist in einer Größe von 2,8 m2 in Form einer Stufenpyramide geschichtet. Außen sind einige blau glasierte Steine gestreut verteilt, so dass darunter naturbelassene Steine aufblitzen. Die Künstlerin spielt mit diesem Objekt auf die Bauweise früher Pyramiden im altägyptischen Reich an, die aus aufeinander gesetzten, sich verjüngenden Lehmziegeln errichtet waren und als religiöse Grabstätten dienten.

Die keramischen Skulpturen von Hella Berent erwecken im Stadtmuseum eine neue architektonische Wahrnehmung und Wirkung, beginnt ein reizvolles Wechselspiel zwischen Innen- und Außenraum. Auch mit der blauen Winkelsäule „Oldenburger Stange“ (Abb. S. 68) im Museumsgarten und der „Mauerscheibe“ (Abb. S. 88) im Entree des Claus-Hüppe-Saals verbinden sich zeitliche Dimensionen von kulturellem Gedächtnis mit Gegenwart, paart sich orientalische Schönheit mit aktueller Kunst. In der Neuen Galerie ruht auf dem Boden die aus 408 blau glasierten Ziegeln gebaute Mauer „Sleeping Wall“ (Abb. S. 73). Das räumliche Schichten von Steinen inspiriert die Künstlerin immer wieder zum Spiel mit der Wandelbarkeit der Formen: so erweckt die Skulptur in der Aufsicht eine erstaunliche Tiefendimension, während von der Seite die Linearität betont wird. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch im Ausdruck der „Sleeping Wall“ wider, massiv und flüchtig zugleich lauert in ihr das Ungeahnte: erblicken wir einen Ort des Schweigens oder des Erwachens?

Für ihre Präsentation nutzt die Kölner Künstlerin nicht nur den Innen- und Außenraum des Stadtmuseums, sondern auch die besondere Architektur des mittelalterlichen Pulverturms. Im gedämpften Licht des Gewölbes umfängt den Betrachter ein unnahbarer Ring des Schweigens: kühle, blaugrüne Köpfe aus Keramik starren ihn an. Durch die Abtrennung vom Körper wirken die Köpfe wie unheilvolle Wächter des Schicksals, Bedrückung klingt auch im Titel „Angst im Gespräch“ (Abb. S. 62/63) an. Als psychischer Ort der Gedanken steht der Kopf für die Instanzen des Ichs, als Symbol des menschlichen Bewusstseins. Die Skulpturen tangieren existentielle Fragen und erschließen eine neue Sicht auf den Pulverturm. So wird der Raum zum Ort der wandelnden Erkenntnis, in dem sich Gesteinsschichten, Zeit- und Erinnerungsschichten wechselseitig überlagern. Mit ihren Fotografien, Zeichnungen und keramischen Skulpturen belebt Hella Berent auf vielfältige Weise das Ägyptisch Blau. Ägyptisch Blau bleibt jedoch keine unnahbare Farbe des Orients, sondern fasziniert durch Bedeutungsreichtum und Ausstrahlung hier in Oldenburg, eingefangen als sinnlich erfahrbarer Raum.

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