Text 3: Rede Marion Scharmann zur Eröffnung Time Capsules, Landesbibliothek Oldenburg

Künstlerbuch 1996 Rasa Rasa Rasa Rasa, Gummi 1mm, Leinen, Pappe, Ölstift - Hella Berent 1977 – 2014 Künstlerbücher TIME CAPSULE 2014 Landesbibliothek der Stadt Oldenburg, Oldenburg
 

 

Rede der Kölner Galeristin Marion Scharmann aus Anlass der Ausstellungseröffnung in der Landesbibliothek Oldenburg

HELLA BERENT »Time Capsules«, Landesbibliothek Oldenburg, 20.02.2014

Mein sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich und freue mich, dass ich heute ein paar Worte zur Ausstellung von Hella Berent in der Landesbibliothek sagen darf. Ich verfolge das Schaffen von Hella Berent nun schon seit einiger Zeit und schätze die Werke sehr, so wie die Künstlerin selbst. Da ich die Person Hella Berent schon länger kenne als ihre Werke möchte ich mit ein paar Worten über Hella Berent beginnen, und ein paar Eigenschaften benennen, die sich in ihren Werken widerspiegeln.

Hella Berent reist sehr gerne. Sie besucht die Fremde und taucht ein in laute, leise, gefühlvolle, gefährliche, andersartige, geruchsintensive, farbintensive Welten und sammelt Erfahrung um Erfahrung, die sie dann in ihren Werken mit uns teilt. Ägypten, Indien, Iran, Italien kann man dabei vorrangig nennen. Zuletzt war sie in Kambodscha und Myanmar.

Die Künstlerin durchmisst Raum und Zeit auf ihren vielen Reisen um die Welt und sie verknüpft auch Raum und Zeit – in ihren Werken. Sie kennt dabei keine Grenzen, die Räume, die sie durchquert sind genau wie ihre Kunst grenzenlos. Ebenso ist Hella Berent als auch ihre Kunst alterslos bzw. zeitlos. Hella Berent ist eine Frau, die viele Erlebnisse gesammelt hat und viel zu erzählen hat, aber sie hat sich auch eine Art Unschuld bewahren können, eine Art Naivität. Naivität ist im heutige Sprachgebrauch leider etwas negativ behaftet – der Begriff wird mit etwas Kindlich-Unerfahrenem und daher eher mit Dummheit gleichgesetzt, dabei steckt in der Naivität die Neugier, der Mut und die Offenheit; die Offenheit, Neues zu entdecken zu wollen, nicht verschlossen zu sein, keine Grenzen zu kennen. Für mich hat das Wort Naivität eine sehr positive Bedeutung und in diesem Sinne möchte ich es auch Hella Berent zuschreiben.

Die Grenzenlosigkeit und die Erfahrungen die Hella in ihrem Leben und besonders auf ihren Reisen durch Raum und Zeit gemacht hat, manifestieren sich in ihren Werken.

Hella Berent drückt sich in unterschiedlichen Medien aus, neben Zeichnung u.a. auch in Keramik und Skulptur – ein zentrales Medium ist das Buch und aus dieser Serie an Künstlerbüchern sehen wir hier in der Landebibliothek einen Querschnitt – von 1977 bis heute.

Was verbinden wir mit Büchern? Was wird uns in Büchern mitgeteilt? An Sprache werden wir denken und auch an Wissen. Hella Berent teilt uns ebenfalls ihr Wissen in diesen Büchern mit, doch nur in einigen wenigen Fällen durch Sprache (in diesen wenigen Sprachbüchern, setzt Hella Berent die Sprache allerdings so poetisch ein, dass große Assoziationsräume entstehen.) Es sind nicht die Daten und Fakten, welche die Künstlerin in ihren Bücher verewigt, es sind die Emotionen, die intuitiven und subjektiven Erkenntnisse, die Stimmungen, die Empfindungen. Sie nimmt die Eindrücke der Welt in sich auf, verarbeitet sie und teilt sie uns dann in ihren Büchern mit. Äußere Bilder werden zu inneren Bildern und innere zu äußeren. Dort wo Sprache an seine Grenzen stößt, überschreitet Hella Berent diese Grenzen mit ihrer Bildsprache. Denn es sind Bilder mit denen die Künstlerin ihre Bücher füllt – Figuratives und Abstraktes zeigt sie uns oder die Farbe Blau, das Schwarz, das Weiß.

Warum entscheidet sich Hella Berent für das Medium Buch, das mehr dem Wort verwandt ist und auch so schwer auszustellen ist? Es ist die Initimität, die sie fasziniert – denn man muss ein Buch in die Hand nehmen, ganz nah an den Körper führen und vor das Gesicht halten, um darin lesen zu können. Es entsteht ein unmittelbarer Dialog zwischen Buch und Leser oder in unserem Falle Betrachter. Denn durch die Nähe, durch die Intimität bleibt der Betrachter nicht nur Konsument, er wird zum Dialogpartner, der seine eigenen Erfahrungen abruft und sie zum Teil des Werks macht.

Hella Berent benutzt unterschiedliche Arten von Büchern, groß, klein, dick, dünn und in mannigfaltigen, wunderbaren Materialien. Diese Bücher lässt sie überwiegend nach Ihren Vorstellungen anfertigen, wie bspw. Ihre Gummibücher:

Diese Bücher bestehen aus schwarzen, industriell gefertigten Gummiblättern, die kein Licht durchlassen, es aber reflektieren. Das Schwarz hat eine unglaubliche Tiefe und zieht uns in sich hinein – ein tiefer, stiller, schwarzer Raum entsteht, der uns auf uns selbst zurückwirft und uns somit in uns selbst hinein zieht.

Das tiefe Schwarz, ich möchte fast schon sagen, das tiefgründige Schwarz ist auch das Gegenteil der weißen Seite. Die weiße, leere Seite, die noch beschrieben oder bemalt werden muss – sie ist reine Oberfläche, die es zu füllen gilt, während das Schwarz schon per se tiefgründig zu sein scheint. Hella Berent bearbeitet die Gummiseiten daher auch nur in wenigen Fällen.

Während die Gummibücher schwarz und dicht sind, bestehen die Bücher mit Seidenpapieren aus fast transparenten Seiten, welche die vorherigen Seiten durchscheinen lassen.

Hella Berent präsentiert uns darin Figuratives und abstrakte Gefüge – sie zeigt die menschliche Gestalt, Landschaften, das Meer, Häuser aber auch das freie Zusammenspiel von Farben und Formen. Ganz frei, nur kontrolliert durch ihre Konzentration. Bunt aquarelliert und durchzogen von Linien. Die Linie ist das Herzstück ihrer Werke.

Auf einigen Seiten bringt die Künstlerin die Linien in eine Art Ordnung – Hierbei reiht sich Linie an Linie, Schicht um Schicht nebeneinander oder übereinander – ganz ähnlich wie die Seiten in den Büchern aufgebaut sind. Sie wiederholt also in der Fläche, im Bild, was sich in den Büchern räumlich aufbaut. Das Papier wird überlagert von einem nächsten Papier und einem nächsten, von Fläche um Fläche und von Farbschicht um Farbschicht und lässt so ein räumliches Objekt entstehen. Aus Fläche wird Raum und beim Durchblättern der Seiten wird der Raum wiederum in Zeit verwandelt.

Besonders interessant an den Büchern mit diesen dünnen, transparenten Seiten ist das Durchscheinen. Jedes Blatt lässt die Schichten darunter erkennen, diese füllen das oberste Blatt zart aus, führen eine Linie weiter, spinnen das Dargestellte weiter, fügen es in eine Räumlichkeit und in eine neue Umgebung, die sich stets ändert beim weiteren Umblättern.

Diese Schichten, die teilweise das Darunter erkennen lassen, es teilweise aber auch verdecken, erinnern an ein sogenanntes Palimpsest.

In der Antike und im Mittelalter, zu Zeiten als Papier noch teuer war und man es sich nicht leisten konnte, stets neues Papier zu verwenden, wurden beschriebene Papiere gesäubert, um wieder verwendet werden zu können. Die Schrift wurde ausradiert, weggekratzt oder gelöscht, dann wieder überschrieben. Da die ausradierte Schrift jedoch nie ganz gelöscht werden konnte, war ein Rest immer noch vorhanden. So enthält ein Palimpsest mehrere Schichten und trägt alles, was auf ihm geschrieben wurde, noch in sich. Die Spuren, egal ob gering oder nicht sichtbar, sind noch immer vorhanden.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird besonders in der Philosophie das Palimpsest als Metapher für das Gedächtnis benutzt. Auch Sigmund Freud verglich unser Gedächtnis mit einem Palimpsest: Die Spuren von Dingen, die wir vor Jahren erlebt haben, und die scheinbar vergessen sind, sind noch immer vorhanden, sie schlummern, in einer tiefen Schicht unseres Gedächtnisses und können stets wieder aktiviert werden. Freud sprach davon, dass das Gedächtnis eine »Unbegrenzte Aufnahmefähigkeit und [die] Erhaltung von Dauerspuren« (Sigmund Freud) in sich vereint.

So wird in Hella Berents Büchern mit dünnen Seidenpapieren mit jedem Blättern Schicht auf Schicht gelegt, die ersten Seiten kann man nicht mehr sehen, doch sie sind noch da, sie sind das Fundament der anderen Seiten; durch das Durchschimmern sind die vorherigen Seiten jedoch noch zu sehen und sie verändern die aktuell aufgeschlagene Seite, setzen diese Seite in einen anderen Kontext, der sich wiederum verändert, wenn die nächste Seite umgeblättert wird. Dies ist auch eine Metapher für das Leben, für unsere Erfahrungen, die stets in andere Kontexte gebracht werden, je nach Ort und Zeit. Dies ist gleichfalls eine Metapher für die Geschichte, die uns prägt – sie bildet gewissermaßen das unsichtbare Fundament unter dem Sichtbaren. Selbst wenn sie auf den ersten Blick unsichtbar ist, hat sie doch unser heutiges Ich mitgeformt.

Durch das Durchscheinen wird das Dargestellte in immer wieder neue Zusammenhänge gebracht, aber neue Kontexte ergeben sich ebenso durch Übermalungen. Hier möchte ich auf die übermalten und collagierten Bücher von Hella Berent verweisen:
In den Collagen nimmt sie vorgefundenes Bildmaterial aus ihrer ursprünglichen Einordnung heraus, verknüpft es mit anderem Bildmaterial und übermalt es teilweise und lässt so ganz neue Geschichten entstehen.

Dann bearbeitet sie aber auch bereits bestehende Bücher, wie bspw. die Arbeiten mit dem Titel »Paradox«. Dies sind Bücher über die klassische Skulptur und die toskanische Architektur, die mit Farbfeldern durchzogen werden und somit in einen neuen Zusammenhang gebracht werden. Die Bücher werden somit aktualisiert, sie werden in eine neue Zeit transportiert.

»Time Capsules« nennt Hella Berent dementsprechend auch ihre Ausstellung.
Zeitkapseln konservieren. Sie transportieren etwas aus einer bestimmten Zeit in eine andere, neue Zeit – Altes und Neues wird so mit einander verbunden.

»Time Capsules« sind auch die Bücher von Hella Berent. Sie scheinen zeitlos und sie verknüpfen die unterschiedlichsten Zeiten und Räume miteinander. Alleine schon dadurch, dass Hella Berent manchmal aufhört, an einem bestimmten Buch weiterzuarbeiten. Es bleibt unvollendet liegen, vielleicht zwei Wochen, vielleicht auch zwei Jahre oder sogar 20 Jahre. Plötzlich nimmt die Künstlerin es wieder auf und arbeitet daran weiter, so dass sich in einem Buch unterschiedliche Zeiten und Phasen spiegeln.

Mit ihren Büchern verweist Hella Berent aber auch auf viele Jahrhunderte, die hinter uns liegen. An das Pergament der Antike werden wir erinnert, aber auch an die mittelalterliche Buchkunst, an die wunderschönen, illustrierten Handschriften. Dann gibt es aber auch die Gummibücher aus einem modernen, industriell gefertigten Material. Hella Berent geht weit zurück in der Zeit, aber bleibt stets auch im Hier und Jetzt und sie verweist in die Zukunft.

So bindet sie in diese Ausstellung die neuen Medien mit ein. Wir sehen 11 Filme, in denen jeweils ein Buch durchblättert wird. Die Künstlerin präsentiert die Bücher im Medium unserer Zeit. und dies ist gleichzeitig auch das Medium der Zeit.

Die Bücher beinhalten beides, Raum und Zeit, und das erfahren wir nun ganz unmittelbar in diesen Filmen, in denen das Volumen des Buches wieder in die Fläche zurückgebracht wird und in dem ein Blatt nach dem anderen umgeblättert wird … im Fluss der Zeit.

Unterschiedliche Soundspuren untermalen das Durchblättern der Bücher, wie z. B: Meeresrauschen, Vogelgezwitscher, Geräusche im Wald aber auch Musik.
Ein akustischer Raum erweitert den Zeitraum sowie den Bildraum und den Erinnerungsraum.

Die Filme enden jeweils mit der letzten Seite und dann beginnen sie mit einem neuen Buch und ebenso ist auch die Arbeitsweise von Hella Berent, sie beendet ein Buch, doch der Arbeitsprozess der Künstlerin ist nicht beendet, es geht weiter mit der ersten Seite des nächsten, eines neuen Buches – ein unendlicher, grenzenloser Arbeitsvorgang. So wie sich Seite auf Seite legt, fügt sich Buch an Buch.

Diese Grenzenlosigkeit und die Unendlichkeit erinnern auch an »Die Bibliothek von Babel« aus der Erzählung von Jorge Luis Borges – alle möglichen Bücher dieser Welt wären dort zu finden, alles was mit Sprache geschrieben werden kann, also alle möglichen Kombinationen aller Buchstaben aller Sprachen. Dies beinhaltet natürlich sehr viel Unsinniges, aber auch alle Meisterwerke, die noch nicht geschrieben sind – die Anzahl der Bücher ist unendlich und ebenso die Räume der Bibliothek von Babel, in denen die Bücher zu finden sind. Die Existenz der Bibliothek soll ewig währen, somit spricht Borges auch von der Unendlichkeit der Zeit.

Und da Hella Berents eigenes Universum an Büchern in dieser Bibliothek nicht fehlen sollte, möchte ich mit einem Zitat dieses argentinischen Schriftstellers und Bibliothekars enden.

Dieses Zitat stammt aus der Erzählung »Der Garten der Pfade, die sich verzweigen«:
Für mich beschreibt es, wie Hella Berent innere und äußere Bilder verknüpft genau wie Raum und Zeit und wie sie uns ihren ganz eigenen Kosmos vorführt.
„Jemand setzt sich zur Aufgabe, die Welt abzuzeichnen. Im Laufe der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern von Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Behausungen, Werkzeugen, Gestirnen, Pferden und Personen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, dass dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt.“ (Jorge Luis Borges)